Juliane Lorenz

Zur Eröffnung der Ausstellung der poetischen Welten in Kästen

Im Kulturzentrum Neustrelitz am 13. Mai 2004
Ein Grußwort von Juliane Lorenz


Liebe Lilly,

für mich begann die Faszination für deine Boxen schon einige Zeit bevor ich meine erste, den „Papstpalast“ erwarb, denn immer wenn ich zu dir nach Berlin in die Goltzstrasse kam und eine von dir eben fertig gestellte neue Zauberbox entdeckte, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Und weil ich nicht nur bei dir zu Hause staunen wollte, sondern auch bei mir, hab ich dir dann den „Papstpalast“ entführt. Und damit begann meine bis heute nicht enden wollende Sammlerleidenschaft. Inzwischen sind es schon dreizehn Kästen, die sich in den Räumen der Rainer Werner Fassbinder Foundation und bei mir privat befinden und nicht nur mich, sondern viele neue Staunende anziehen.

Du hast dich anfangs gar nicht gerne von deinen Boxen getrennt, waren sie doch vertraute Zeugnisse von „Abschaltphasen“ zwischen deinen Verpflichtungen als Tonmeisterin, Filmemacherin und Dozentin an der Deutschen Filmakademie in Berlin. Die über hundert heute existierenden Zeugnisse dieser Rückzugsphasen sind nicht nur ideenreiche handwerkliche Meisterleistungen, sondern auch das Ergebnis von jahrelangem Sammeln von Gehäusen, Kisten, Boxen, Behältnissen und sonstigen Gegenständen, die du mittels einzigartiger Neuordnung und Zusammenfügung, sprich: Komposition, in eine neue Form von bild-und objekthafter Erzählung verwandelst.

Das „Telefonbuch“ von 1995 zum Beispiel, eine deiner ersten Lichtboxen, und zweite Erungenschaft meiner Sammlung, besteht im Grunde nur aus drei Elementen: Einer Einschubkiste aus Kiefernholz, ein paar Seiten eines alten Berliner Telefonbuchs und Fernande Khnopff’s Motiv „I look my door upon myself“. Stundenlang kann man davor stehen, Privateinträge und Geschäfts-adressen mit den entsprechenden Telefonnummern aus den siebziger Jahren studieren und sich in das engelhafte Gesicht des Khnopff-Motives vertiefen. Ich hab noch keinen Staunenden entdeckt, der einfach an dieser Box vorübergeht.

Und wenn ich an das Hämmern und Sägen, das Feilen und Nageln denke, an die Nächte, die du in deiner Hauswerkstatt verbringst und erst dann zur Ruhe kommst, wenn eine neue Box Gestalt annimmt und mehr und mehr sich in das verwandelt, was du als Grundidee hattest, wenn diese neue magische Kiste dann irgendwann im Morgengrauen fertig ist und du erleichtert und zufrieden und zugleich erschöpft bist, dann wünsch ich dir, dass du noch ganz ganz viele Nächte auf diese Weise verbringst. Damit nicht nur ich, sondern viele neue Sammler und Betrachter deine Zaubereien zu dir nach Hause holen und ihre Geschichten weiter erzählen.

New York, am 12. Mai 2004
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