Himmel im Kasten

HAGZISSA – ODER DIE AUF DEM ZAUN ZWISCHEN DEN WELTEN
Zur Eröffnung der Ausstellung im Haus am Lützowplatz, Berlin, 04. Dezember 2005.

Dr. Viola Altrichter

Jeder Kasten, jede Box, jedes Licht-Objekt von Lilly Grote gerät für den, der sich auf sich selber einlassen möchte, zu einer kleinen Offenbarung. Im Laufe der letzten 10 Jahre sind an die 120 Boxen entstanden.
Diese Mini-Kosmen sind von verblüffender, politischer, poetischer, surrealer Originalität und Einzigartigkeit, abgründig – untergründig, tief und von feiner Ironie und Bezüglichkeit. In ihren Botschaften sind diese Wunderkammern unauslotbar und reich wie das Leben selber. Jede führt ein eigenes "Theaterstück" vor mit einer Rollenbesetzung aus allen Bewußtseinsschichten der Menschheitsgeschichte, aus denen sich unsere Träume, Märchen, Mythen sowie unsere verdrängten Ängste und Hoffnungen speisen. Der Gang entlang dieser Zauberkästen ist ein Treffen mit alten Bekannten, guten Freunden und unliebsamen Gästen in uns selbst. Jeder baut im eigenen Grenzbereich, auf dem Zaun zwischen Illusion und Wirklichkeit, noch mal seinen eigenen Kasten auf. Und so werden während dieser Ausstellung so viele Boxen entstehen, wie Besucher sie genossen haben.
Zu einer hohen Kunstform hat Lilly Grote die "Ent- Ortung" der Dinge gebracht. Ähnlich wie schon die Surrealisten vor ihr werden die Dinge aus ihren gewohnten Funktionen und Daseinsbestimmungen gerissen und in überraschende, fremde bis befremdliche Zusammenhänge hineinkomponiert. Man denke an die Pelz besetzten Tassen von Meret Oppenheim, die fließende Uhr bei Dali, den Film " Der Würgeen-gel" von L. Bunuel oder eben einen "WALD AUS LÖFFELN" bei Lilly Grote.
Von besonderer Anziehungskraft sind die Licht –Objekte. Vom Film kommend beherrscht L.G auf meisterliche Art die Kunst der Verführung durch das Spiel mit dem Schatten, der Dunkelheit und dem Licht zwischen den Zeiten und Räumen. Es ist immer das "Dazwischen", das Unsagbare, Unzeigbare, das in der Handhabung des Lichts auf wahrlich "zauber- hafte" Weise Tiefenschichten des Raumes freilegt, die Personen in hintergründige Annäherungen oder Distanzen zueinander treten läßt oder Dinge vor dem Hintergrund abgestufter Dunkelheiten aus sich heraus geheime Botschaften aus vergessenen Räumen aufleuchten läßt.
In jedem Traum tauchen Bilder in unserem Kopf auf, ohne das sich das trennende Bewußtsein von einem Innen und Außen, einem " Entweder-Oder" einstellt. Im Traum verschmelzen das Geträumte und der Träumende. Bei dem Entstehungsprozeß der Boxen spielt der Traum für Lilly Grote eine große Rolle. Manchmal wispert ein Bild im Traum und ruft nach einer passenden Kiste. Manchmal muß Lilly Grote tagelang in eine noch leere Kiste schauen, das Holz befühlen und lauschen, was es ihr zu erzählen hat, - solange, bis sich plötzlich der leere Raum in der Box mit einem präzisen Bild füllt. Auch die Beschaffenheit einer Kiste, ihre Patina, ihre Einritzungen, die Spuren von Jahrzehnten, ja, Jahrhunderten werden zum inspirierenden Faktor für die Arbeit. Immer wieder versucht L. G. dabei die einstige Funktion des Kastens zu erhalten und in das Werk mit einzubauen – wie z. B. das Besteck in der " LÖFFELPARADE", einem Kasten, der einst ein Besteckkasten war. Jede Kiste als solche ist immer schon an sich inspirierend. Die Botschaft steckt für Lilly Grote in der Kiste, wie für einen Bildhauer die schon fertige Skulptur in einem unbehauenen Marmorstein.
In den meisten Arbeiten von Lilly Grote verbergen sich spirituelle Botschaften. Sie zeichnen die Spuren versunkener Kulturen und ihrer einst heiligen Orte, Tempelanlagen, Totem- und Fetischwelten nach. Sie zitieren griechische und ägyptische Mythenfragmente, lassen hinduistische, indianische oder christliche Symbole vor uns auftauchen. Es leuchten Heilige Bäume. Die Natur selber wird wieder zum sakralen Ort, wie z. B. in dem Werk "SCHATTEN": auf einer von innen weißglühenden Schneelandschaft steht eine ägyptische Osirisfigur unter einem Wunschbaum, behangen mit Fetischen wie Pferdehaaren oder Harzklumpen. Osiris, der ägyptische Toten- und Auferstehungsgott, kündet mitten im Winter von der ewig währenden zirkulären Unsterblichkeit der Natur.
In der Serie " Seti-Signale " (Search of Exterritorial Intelligence) werden künstliche Himmel nicht nur zum Leuchten, sondern auch noch zu farblichen Verwandlungen gebracht, wie z.B. in der langsam rotierenden Lichtverfärbung der himmlischen Botschaften in den Kästen "DISTANCE", "CLUSTER M 22" oder "ANDROMEDA". Das Licht selbst als Symbol zyklisch kreisender Unendlichkeit ersetzt obsolet gewordene irdische und religiöse Glücksversprechen.
"STRINGS", ein so betitelter Kasten aus der Serie "Raum", ist ein Begriff aus der Kosmologie und beschreibt damit das Weltall, welches aus feinsten Fäden besteht und deren Vibration je nach Schwingmodus die Elementarteilchen im Universum herstellen. So betrachtet haben die im Kasten "STRINGS" gespannten farbigen Wollfäden eine universale Bedeutung. Die Fäden lassen den Blick frei auf die skelettierte Fassade eines Abrißraumes, an dessen Boden ein Schwarm herrlich blauer Papageien frei durcheinander fliegt. Paradiesvögel vor einer Häuserruine – Himmel und Erde, Leben und Tod zusammengehalten durch den alle Gegensätzlichkeit enthaltenden und erhaltenden Lebensfaden.
In der Serie: "HIMMEL IM KASTEN" spiegeln sich die Himmel im Wasser, oder man schwebt gleichsam zwischen Himmel und Erde, sieht die Wolken über und gleichzeitig unter sich und entwickelt ein Gefühl grenzenlos schwebender Freiheit. Wieder ist es, wie in dem Werk "CUMULUS", ein Gegenstand von Menschenhand, ein Schraubstock, - kulturhistorisch mit Zusammenpressen, gar Folter assoziiert,- der von außen den ganzen Kasten, nein, Erde und Himmel gleichzeitig in die einengende Dimension menschlicher Verhältnismäßigkeiten rückt. Allerdings läßt Lilly Grote auch hier die ironische Lücke offen, setzt gleichsam Spiegelungen und Rätsel für den Betrachter in den Rahmen.
Lilly Grote hockt wie Hagzissa, die Hexe, "die auf dem Zaun Sitzende", auf der Mauer zwischen Wirklichkeit und Traum, Realität und Phantasie, und beschenkt uns Heutige mit einem vergessenen Gestern oder einem ersehnten Zukünftigen, holt zurück das Wilde in das Gezähmte , die Natur in die Zivilisation und den Himmel auf die Erde.
Was also erwarten wir vom HIMMEL IM KASTEN, das nicht in uns wäre?


copyright : Dr. Viola Altrichter
Freie Dozentin für Kultursoziologie und Radioautorin für Hörspiele und Features
Matterhornstraße 63, 14129 Berlin, Tel: 030-8037585, e-mail: viola.altrichter@arcor.de
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