Dr. Monika Treut

Boxen von Lilly Grote – Welten in der Box
Zur Eröffnung der Ausstellung im Raum für Kunst Fett 6, Hamburg, 23. Februar 2005.


Dr. Monika Treut
Lilly hat mich gefragt, ob ich einige Überlegungen zu ihren Boxen mitteilen könnte. Ich habe gerne ja gesagt. Nicht nur, weil wir als Filmemacherin Kolleginnen und Freundinnen sind, sondern vor allem, weil ihre Boxen auf mich schon lange einen zauberhaften, poetischen Reiz ausüben. Ich will es kurz machen, denn schließlich geben uns die Kunstwerke von Lilly Grote ja etwas zu sehen.

Nicht nur im Film, vor allem in den Scheinwelten des Hollywood-Kinos, wird die Welt immer künstlicher und virtueller. Kulturhistoriker wie Jean Baudrillard gehen davon aus, dass die Simulation und die Virtualität immer mehr an die Stelle der Realität treten. Man weiss nicht mehr, was echt und was inszeniert ist. Ich sehe Lillys Boxen-Werke als einen künstlerischen Einspruch gegen diese Tendenz. Gegen die „Welt am Draht“ stehen ihre „Welten in der Box“.

In diesen Boxen werden wirkliche Dinge wieder wertvoll. Als Elemente des Kunstwerks gewinnen sie eine Art besonderer Aura. Sie sind die Dinge, die sie sind. Das klingt tautologisch, aber die Dinge sind zugleich mehr. Sie strahlen einen ästhetischen Schein aus. Deshalb verführen sie uns zu einem genauen, aufmerksamen Hinschauen. Sie locken uns in ihr eigenes Reich. Dabei spielt die Fantasie eine große Rolle. Denn die ästhetisch neu- oder aufgewerteten Dinge werden zu Fantasie-Räumen gestaltet, die neue Bedeutungen oder Botschaften besitzen. Es sind geheimnisvolle Bühnen, die unsere Fantasie anregen, wobei auch das Licht eine besondere Rolle spielt. 
Es zeigt uns die Dinge „in einem neuen Licht“.

Man spürt, dass Lilly Grote die Dinge liebt, mit denen sie arbeitet. Oft sind es die alltäglichen Dinge, die scheinbar unnütz geworden sind und weggeworfen wurden oder auf dem Flohmarkt angeboten werden. Bei Lilly werden sie zu raren Fundstücken, die ästhetisch aufgewertet werden.

Das betrifft nicht nur die einzelnen Elemente in den Boxen, es betrifft auch die Boxen selbst, die meist aus ausrangierten Behältern gemacht sind. Die alte Schublade der Singer-Nähmaschine wird zum Kunst-Raum, in dem wir nun mit unseren Augen spazieren oder flanieren können, geleitet von wunderbarem blauen Licht.

Die Liebe und die Nähe Lillys zu den gefundenen Dingen spürt man auch an ihrem handwerklichen Geschick. Es ist präzise Handarbeit als künstlerische Aktivität. Lillys Finger waren bei der Herstellung ihrer Arbeiten beileibe nicht nur auf der Tastatur des Computers. Sie arbeiteten mit Schere und Säge, Papier, Holz, Stein und Klebstoff. Ihre Boxen zeigen die körperliche Tätigkeit ihrer Schöpferin und vermitteln zugleich die Lust und die Freude, die sie bei der Arbeit empfand. In dieser Hinsicht sind sie also auch sehr persönliche Werke.

Ich weiß, dass Künstler nicht gerne hören, wenn man sich durch ihre Arbeiten an andere Künstler erinnert fühlt. Aber ich denke, wenn ich Lillys Arbeiten sehe, auch ein wenig an den Sammler und Bastler Kurt Schwitters. Auch er hat ja vor allem weggeworfene Dinge des Alltags für seine Werke verarbeitet und damit, wie er sagt, neu gewertet. Allerdings steigerte sich Schwitters dabei oft ins Übergroße. Für seine „Merz-Kathedrale“ war die Höhe seiner Wohnung zu gering. Er musste die Decke durchbrechen, sodass seine Arbeit in die elterliche Wohnung durchstieß. Das droht bei Lillys Arbeiten nicht. (Antje musste also keine Angst um ihr Haus haben.) Lillys Boxen-Welten sind Miniaturen: verkleinerte Welten, in denen die Fantasie einen großen Spielraum besitzt. Noch eine letzte Bemerkung: in der aktuellen Medientheorie spielt der Begriff des „Performativen“ eine große Rolle: Action, Ereignis, Show sind angesagt. Alles muss dramatisiert werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Gegen diese oft auch performative „Überdramatisierung“ setzt Lilly Grote den Begriff der „Kontemplation“. Die genaue, ruhige Betrachtung ihrer Boxen-Welten, die wie Stil-Leben wirken, lässt uns in eine Fantasiewelt eintauchen und meditativ versinken, die im Betrachter eigene Bilder, Erinnerungen und Träume zu erzeugen vermag. Und das kann jetzt jeder in dieser wunderschönen Ausstellung erleben.
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